Mittwoch, 4. Oktober 2017

Die heiligen Tage der Frau Percht - die Raurisnächte, die wilde Jagd. Ihr heiliger Tag ist der Donnerstag.

Ursprünglich war die Frau Percht vermutlich ein weiblicher Dämon.  Im österreichisch/bayrisch/slawischen Raum wurde sie verehrt. Genaues weiß man leider nicht mehr, weil die Anfänge ihres Kultes weit zurück in die Vergangenheit reichen. Sie war vor allem bei den Flachsbauern beliebt und ihr wurde auch Flachs geopfert. Später gehörten zu ihren Anhängerinnen auch die Spinnerinnen.



So kann man sich ändern, wenn man ein Dämon, oder eine Göttin ist:
Im Laufe der Zeit veränderte sie ihren Charakter, aufgrund männlicher Einflüsse auf die bestehenden weiblichen Kulte. Die Verschmelzung des alten Glaubens mit anderen Religionen, führten natürlich zu einer Änderung alter Kulte. Heute gehören nur Männer den wilden Horden der Percht an. Frauen ist es streng verboten als Percht aufzutreten, obwohl die Perchten weibliche Kleidung tragen und mit dem Besen kehren. Junge Männer, die mit Ruten den jungen Mädchen auf die Beine schlagen, um sie fruchtbar zu machen. Früher waren die Horden weiblicher Natur. Die weibliche Fruchtbarkeit war ausschließlich eine Sache der Frauen. Man hat also im Laufe der Zeit den Sinn des Kultes in sein Gegenteil verkehrt. Erst als den Menschen klar wurde, dass zur Entstehung eines Kindes auch der Mann gehört, verlor die Frau an Wichtigkeit. Der Kult wurde männlich und die Männer schlüpften ins Gewand der Frauen.

Aufgrund verschiedener Einflüsse  veränderte sich auch der Name der Percht. Trotzdem ist immer von derselben Person die Rede, wie man an ihren Handlungen leicht erkennen kann. Sie überprüft, ob das Haus in Ordnung gehalten wurde, ob die Mägde brav gesponnen haben und sie bestraft die Faulen - aber auch den Lauscher, der einen Blick auf die wilde Jagd wirft. Die ungetauften, verstorbenen Kinder führt sie an. Aber nur Kinder die einen Namen haben, dürfen mit der wilden Jagd ins Jenseits reiten. Kinder ohne Namen - später nannte man sie ungetauft - mussten in der Zwischenwelt leben, oder besser - unruhig herum wandern.

Das Märchen der Frau Holle ist ein Relikt aus jenen Zeiten, in denen Frau Percht noch etwas zu sagen hatte. Die Christen hatten keine Freude mit ihr, doch sie ließ sich einfach nicht ausrotten. Dämonen und Götter sind eben zäh. Der Pfindsda, ebenfalls ein Name für die Percht, war der Donnerstag gewidmet. Eine echte Konkurrenz zum heiligen Sonntag. Zum Teil wurde die Percht im Mittelalter auch als Diana bezeichnet. Vermutlich weil die Mönche und Priester mit dem Namen Percht nichts anfangen konnten. Schließlich stammte er aus sehr alten Zeiten. "Die von Ginzburg angeführten Beispiele lassen an einem Überleben der antiken Diana im Glauben des Volkes zumindest Zweifel aufkommen. Was hier tatsächlich authentisch ist und was von – mit den heidnischen Göttern wenn nicht durch antike Autoren, dann zumindest durch die apologetischen Schriften der Kirchenväter vertrauten – Theologen konstruiert wurde, lässt sich heute fast nie mehr entscheiden." (wikipedia) Diana war also nicht gemeint, die Percht ist viel älter.




Man hat versucht, die Entstehung des Kultes zu ergründen. Erklärt hat man ihn mit der scheinbaren Nähe zum Kult der Artemis und zu jenem der Hekate. Da einer Göttin, oder Dämonin, immer nur Frauen und Mädchen folgten und einem Gott, oder Dämon, immer nur Männer, stellt sich die Frage, wieso der Frau Percht heute nur Männer folgen. Man unterscheidet allerdings auch zwischen Schiach- und Schönperchten. Die Schiachperchten dürften die wahren, weiblichen Perchten sein, die alten, ursprünglichen also, während die männlichen Schönperchten ihnen neu hinzu gesellt wurden - um die alten, weiblichen Dämonen zu vertreiben. In doppelter Hinsicht also.
 
So ganz genau lässt sich das alles nicht mehr feststellen, weil es keine Zeugnisse aus ganz alter Zeit gibt. Um 341 herum ritten jedenfalls noch Weiber nachts mit der "Diana", im 15. Jahrhundert ist von der Percht, die mit ihren Horden reitet die Rede, die vermutlich damals noch weiblich waren. Erst seit dem Hochmittelalter gehören dem Gefolge der Percht auch Männer an.

Man nimmt an, dass es sich um den sehr alten Kult einer Gesellschaft handelt, die weiblich dominiert war. Nach und nach drangen die indo-europäischen Völker vor, welche mit ihren männliche Göttern, die weiblichen zu verdrängen suchten. In manchen Gegenden wurde deshalb sogar aus der Frau Percht der Berchtold und sein wütendes Heer.




Die Percht wird als hässliches altes Weib, mit langer Nase dargestellt. Genau diese Darstellung findet man auch oft in Sagen aus den Regionen, in denen sie bis heute verehrt, oder gefürchtet wird. Da wird von einem alten, hässlichen Weiblein berichtet, welches demjenigen der sie nach Hause trägt, reichlich Gold schenkt. Auch die Hexenmasken entsprechen dieser Vorstellung. Das würde die Existenz von Schönperchten auch erklären. Die Percht kann töten, aber auch belohnen. In diesem Video sieht man die alte Frau, welche die übrigen, tierischen Perchten anführt.

Die Veränderung im Glauben erkennt man gut an der Veränderung des Äußeren. Es sind heute vor allem zottelige Tiergestalten, die man beim Perchtenlauf, der nur noch Show ist, sehen kann. Eine Verschmnelzung mit dem Krampuss.




Die 12 Raurisnächte sind die Zeit, in welcher die Percht reitet. In dieser Zeit sind die Tore zur jenseitigen Welt geöffnet. Aus dieser Welt stammt sie offenbar. Sie mag kein Peitschenknallen und kein Hundegebell, ebenso hasst sie Glockengeläut. Sogar heute noch gibt es Menschen die sich vor der Percht fürchten, ohne dass ihnen das bewusst wird. Man darf in den Raurisnächten keine Wäsche aufhängen - sonst stirbt jemand aus der Familie im kommenden Jahr, glaubte sogar noch meine Mutter. Aber woher dieser Glaube kam, wusste sie nicht. Zu dieser Zeit das Haus putzen, hat ebenso seinen Ursprung beim Kult der Percht.

Manche Forscher meinen, in dem Gegensatz Schön und Schiachperchten den Kampf der vordringenden, männlichen Kulturen, gegen die ehemals herrschenden, weiblichen Kulturen zu erkennen. Das hat etwas für sich. Sie gehen jedoch auch von der Annahme aus, die Menschen hätten sich nicht überall gleich entwickelt, die weiblich dominierten Kulturen seien den aggressiven, männlich dominierten, unterlegen gewesen. Deshalb hätten diese die neuen Religionen übernommen. 

Meiner Meinung nach sind aber die männlich dominierten Kulturen nicht aus dem Nichts heraus entstanden, so wie ein neuer Charakterzug. Eher handelt es sich um neue Erkenntnisse über die Welt und das Wesen der Menschen. Als man noch keine Beziehung zwischen Zeugung, Schwangerschaft und Geburt herzustellen wusste, wurde das weibliche Prinzip verehrt. Die große Mutter als Gebärerin neuen Lebens, als Erhalterin der Gemeinschaft aufgrund ihrer Fruchtbarkeit, war das Symbol für die Frau schlechthin. Die Männer waren für ihr eigenes, sexuelles Vergnügen zuständig. Das Geschenk der großen Mutter an den Mann. Sie dienten der Göttin und sie opferten mitunter auch ihr Geschlechtsteil, wie das noch heute vereinzelt in Indien passiert. Der Penis war für die eigene Lust wichtig - auf diese verzichtete man unter Schmerzen.

Die Jungfrauengeburt wird wohl auch in dieser Zeit ihren Ursprung haben. Doch als die Menschen begriffen, dass der Mann genauso nötig ist wie die Frau, zumindest wenn es um den Nachwuchs geht, verlor die große Mutter natürlich an Wichtigkeit und somit auch an Einfluss und Wert. Das Gewicht verschob sich zugunsten eines Götterpaares. Es herrschte Gleichberechtigung. Die Menschen vermehrten sich rasant, es gab zu viele, statt zu wenige Menschen. Die Menschen wurden daher zunehmend wertlos. Man hörte damit auf sie zu opfern und opferte dafür Tiere und Pflanzen. Je nachdem was wichtiger für das Überleben war. Nur das Wertvollste ist gut genug für die Götter.

Ein gutes Beispiel dafür, wie ein Glaube den anderen zu verdrängen versucht, ist das Christentum mit seinen Festen, die alle an den Tagen im Jahr angesiedelt sind, an denen heidnische Feste gefeiert wurden. Die Raunächte wurden zu Weihnachten, zum Tag der heiligen drei Königen. Es sind die 12 toten (überzähligen) Nächte im Mondkalender, was schon auf ihren sehr alten Ursprung hinweist. Der neue Tag beginnt nicht wie heute um Mitternacht, sondern bei Anbruch der Dunkelheit. Das Christentum hat aus diesem Grund Feste die sich nach dem Sonnenkalender richten, aber auch solche die nach dem Mondkalender eingeteilt sind. Die christlichen Römer mussten aufgrund ihrer neuen Religion den julianischen Kalender für ihre neuen Feste teilweise umrechnen, weil diese sich am Mondkalender orientierten. Deshalb gibt es auch bewegliche und feststehende christliche Feste. Während Ostern jedes Jahr auf ein anderes Datum fällt, bleiben die Raunächte immer gleich. Ostern ist an einem Sonntag zu feiern, erklärten sie und verzichteten in diesem Fall auf den jüdischen Mondkalender, nach dem der Ostertermin anfangs berechnet wurde. Gleichzeitig konnten sie aber auch kein festes Datum festlegen. Was die Ostkirche nicht akzeptieren wollte. Man hat sich also in diesem Fall aus einer bisher bestehenden kultischen Handlung teilweise heraus entwickelt. Das Alte wurde fast, aber nicht ganz aufgegeben. Bei den Raunächten verhält es sich umgekehrt, kann man deutlich sehen. Da wurde auf dem alten System des Mondkalenders das neue einfach aufgepfropft. Es wurde überlagert, weil es gut passte.

Die Angst vor dem Sterben ist in jedem von uns. Das Grauen vor dem Unsichtbaren ebenso. Die Religionen und Ideologien entwickelten aber auch Todessehnsüchte bei den Menschen, die am Leben scheiterten. Das Leben war ja nicht mehr so einfach und überschaubar, wie zu Zeiten der Jäger und Sammler. Der weit entfernte und sich immer weiter entfernende Gott wurde zunehmend undurchschaubarer. Für die persönlichen Bedürfnisse ungeeignet. Daher wartete man auf den Retter aus der Not. Auf einen der sich auskennt, der eine persönliche Beziehung zum "großen Vater" hat, auf einen der mit ihm auf Augenhöhe reden kann. Auf einen Propheten, oder auf einen Erlöser.

Uns graut vor den Wesen der "anderen Welt". Sie erschrecken uns, sie machen Angst. Auch wenn wir vielleicht gar nicht mehr an ihre Existenz glauben, bleibt diese Angst, obwohl wir uns noch so sehr abmühen, sie zu verdrängen. Dagegen hilft weder die Wissenschaft, noch ein Über-Gott, noch andere Götter und auch nicht die "große Mutter", die auch wieder im Spiel ist. Menschen werden wieder geopfert - etwa dem "großen Vater" - indem sie sich selbst opfern. Also indem sie das Wertvollste geben, was sie besitzen - das eigene Leben und das ihrer Mitmenschen. Denn dann fühlt man sich als Auserwählter. Je wertloser sich ein Mensch fühlt, desto eher wird er zum Selbstmordattentäter. Unterbewusst handelnd solche Menschen wie die Angehörigen der ältesten Kulte.

Oder man sucht einen Ausweg aus dem Dilemma, und flüchtet sich in alte Kulte, Religionen, archaische Verhaltensweisen, nur um die Angst vor dem Jenseits zu besiegen. Denn Christentum und Islam trösten nicht, sie machen sogar Angst vor dem Leben danach. Man weiß ja nicht immer so genau ob dem Gott gefällt was man getan hat.

Diese Angst, dieses Grauen kann man nicht so einfach vertreiben. Weder das Knallen der Peitschen, noch das Gebell der Hunde vermögen etwas dagegen auszurichten. Die Frau Percht kommt immer wieder, fegt durch das Land mit ihrem grausigen Gefolge, sammelt die Seelen der Verstorbenen ein - und wer nicht aufpasst, wird von ihr mitgerissen.