"Für diejenigen, die glauben, ist kein Beweis nötig. Für diejenigen, die nicht glauben, ist kein Beweis möglich" (Stuart Chase)

Samstag, 2. September 2017

Über das Jenseits, die Anderswelt, Himmel und Hölle - das tibetanische Totenbuch - das Bardo Thödol

Unsere Jenseitsvorstellungen spiegeln unsere Ängste, Wünsche und Hoffnungen wider. Wer in Diesseits nur Ungerechtigkeit erlebt, erhofft sich diese im Jenseits. Wer ständig gequält wird, wünscht anderen die Hölle. Hält sich jemand für einen guten Menschen, dessen Güte nicht erkannt wird, hofft er auf ein schönes Leben im Himmel. Lebensbejahende Kulturen sahen jedoch im Jenseits einen dunklen Ort, ohne irgendwelche Freuden. Manche erkannten die Hölle in diesem Leben, aus welcher sie erlöst werden wollten. Es gibt auch viele Menschen die an gar kein Weiterleben nach dem Tod glauben. Es kann ja nur noch schlimmer werden. Wenn es sowiso keine Götter gibt, wozu ewig leben? Besser man ruht in Frieden. Wer an all die Versprechungen, bzw. die Drohungen nicht glauben mag, erwartet, dass jemand zurück kommt und bestätigt, dass man mit seinem Glauben Recht hatte. Das muss dann natürlich ein außergewöhnlicher Mensch sein, welcher sich dem Tod widersetzt - ein auserwählter Gott. Oder aber es sind die Geister der Toten, die nicht zur Ruhe kommen. Selbst erfahren kann man es nicht. Niemand kam zurück und verkündete, was er drüben gesehen hatte. Manche kamen gerade mal bis zur Türe - und kehrten wieder um. Im Jenseits waren sie nicht, sie sahen es nur von weitem.

Neben all diesen Vorstellungen gibt es auch noch den Glauben an Wiedergeburt. Er ist gleichermaßen Versprechung und Drohung. Niemand entkommt dem Kreis des Lebens, es sei denn er befreit sich selbst. Das höchste Ziel ist daher Erkenntnis, selbst Erlebtes, selbst Erfahrenes. Man muss nicht glauben, man weiß. Entweder aufgrund einer Erinnerung, oder weil man erleuchtet wurde.


Das tibetanische Totenbuch unterscheidet sich in mehrfacher Hinsicht von den sogenannten heiligen Büchern, weil diese nur aus Erzählungen, aus Geschichten bestehen, die von irgendwelchen Leuten zu einem Buch zusammengestellt wurden. Die heiligen Bücher dienen der Orientierung im Leben. Je unsicherer ein Mensch ist, desto stärker klammert er sich an Vorschriften. Das gibt ihm die Sicherheit, alles im Leben richtig zu machen. Das Hauptgewicht liegt auf dem Diesseits, auch wenn es scheinbar ums Jenseits geht. Weil mit dem Tod praktisch alles gelaufen ist, muss man im Diesseits alles richtig machen, um in der anderen Welt ein weiteres, gutes Leben zu führen. Oder man muss sich entscheiden, ob man für das Gute, oder für das Böse lebt und kämpft.

Auch diesen heiligen Büchern liegt ein Totenbuch zugrunde.  Das ägyptische Totenbuch, auf dem sowohl der jüdische, als auch in Folge dessen, der chritsliche und der islamische Glaube aufbaut. Die Idee vom Totengericht stammt daher, das Erhalten des menschlichen Körpers nach dem Tod, jenseitige Strafen und Belohnungen, soziales Verhalten innerhalb der Gemeinschaft, eine jenseitige Welt als Fortsetzung der Diesseitigen, mit Freuden und Leid. Das alte Ägypten ist nicht tot - es lebt in uns.

Im tibetanischen Totenbuch hat das Diesseits keine Stimme. Es gibt keine Geschichten, keine Mythen, keine Märchen. Eigentlich braucht man auch nichts glauben. Wer nicht glaubt ist selbst Schuld, wenn er wieder in die materielle Welt hinaus gespien wird. Er wird dadurch nicht schuldig. Seine Entscheidung ist nur einfach falsch.

Was geschehen ist, ist geschehen. Es lässt sich nicht wieder gut machen. Das Totenbuch soll demjenigen der es kennt die Chance geben, aus dem was man wurde, das Beste zu machen. Dem der es liest, sagt es was beim Sterbevorgang geschieht und was man tun kann, um entweder gar nicht, oder in einem besseren Leben wiedergeboren zu werden. Es erklärt Illusionen, von denen man fasziniert sein wird - und wie man sich vor ihnen hüten kann. Damit man nicht in die Irre geht.

Nach dem Tod fällt der Mensch zuerst in eine tiefe Ohnmacht, aus welcher er nach einiger Zeit wieder erwacht. Er merkt dass er tot ist, verliert dieses Bewusstsein seines Todes jedoch wieder und beginnt zu träumen. In dieser Traumphase denkt er, noch immer einen Körper zu besitzen und er glaubt, was er bisher auch glaubte. Nämlich dass das Jenseits genauso aussieht, wie er es im Leben gelernt hatte. Doch das ist nur eine Illusion, von der er sich befreien muss.

Um dem Verstorbenen auf seinem Weg ins neue Leben, oder in die Befreiung zu helfen, erzählt man ihm was im Totenbuch steht, damit er sich daran wieder erinnern kann. Der Tote wird also sozusagen auf seinem Weg durch die Zwischenwelt von einem Kundigen begleitet.

Man kann daher sagen, dass für den Gläubigen dieser Weg die wichtigste Zeit seiner Existenz ist. Was zählt ist nicht gut, oder böse, sondern nur Erkenntnis, oder Anhaftung. Wer nicht erkennen kann, wird hinunter gezogen. Wer erkennt, wird erlöst. In diesem Moment gibt es weder Lohn, noch Strafe, und auch keine Vergeltung. Man kann - theoretisch - zu diesem Zeitpunkt seine Existenz in eine total neue Richtung lenken. Egal wie man zuvor gelebt hat. Es erscheint das "klare Licht". das man erkennen soll - was den meisten Menschen nicht möglich ist.

Im Gegensatz zum ägyptischen Totenbuch, welches auf die reale Welt und auf den realen Körper ausgerichtet ist, erkennt das tibetische Totenbuch das alles als eine Illusion an. Es sagt uns, dass wir selbst es sind, die uns richten und nicht ein fremdes Wesen. Während das ägyotische totenbuch zum Festhalten auffordert, will es uns auffordern, das materielle Leben loszulassen.




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