Samstag, 10. Juni 2017

Nostradamus und Goethe


Weil ich derzeit damit beginne mich mit den Leuten auseinanderzusetzen, die Nostradamus übersetzt haben, oder es zumindest versuchen, muss ich kurz auf Goethe eingehen. Von selbst wäre ich darauf niemals gekommen. Ich habe den "Faust" weder gelesen, noch gesehen. Da ich aber gerade darauf hingewiesen wurde, dass sich Goethe angeblich mit Nostradamus beschäftigt hätte, surfte ich einmal kurz im Internet.
Die erste Station machte ich hier http://www.welt.de/print-welt/article352196/Okkultismus-aus-zweiter-Hand.html

Der Autor, Matthias Heine, glaubt nicht an eine engere Beziehung Goethes zum Werk von Nostradamus. Aber Goethe hat dessen Werke noch mehr ins Gespräch gebracht, als sonst jemand. 

Der protestantische Theologe Gottfried Arnold veröffentlichte 1699 bis 1715 seine dreibändige "Unpartheyische Kirchen- und Ketzerhistorie". Diese Bücher besaß Goethes Vater.
Das alleine ist schon einmal ein Beweis dafür, dass es die nostradamischen Prophezeiungen mindestens vor 1690 gegeben haben muss.
Im 18. Jahrhundert war Nostradamus in Deutschland sehr bekannt. Johann Christoph Adelung erwähnte ihn 1789 im 7. Band seiner "Geschichte der menschlichen Narrheit.

Das Kosmetikbuch des Nostradamus wurde 1573 von Jeremias Mertz ins Deutsche übersetzt. Was vermutlich nicht geschehen wäre, wäre Nostradamus nicht schon damals berühmt gewesen.

Goethe hat sich auch mit Kabbalistik und mit Alchemie beschäftigt, aber kaum mit Magie, wie ihm unterstellt wird, weil er das "Hexeneinmaleins" erdichtet hat. Da ich eben den Faust nicht direkt kenne, fand ich es zielführend, mich von berufenen Menschen beraten zu lassen. Damit ich verstehe, was Goethe sagen wollte. Diese Beratung fand ich in dem Buch von Jochen Schmidt: Goethes Faust, Erster und Zweiter Teil: Grundlagen - Werk - Wirkung, erschienen im Verlag C. H. Beck. Google bringt daraus eine ziemlich umfangreiche Leseprobe. 
Überzeugend zeigt der Autor, dass Goethe dieses Hexeneinmaleins satirisch verstand und auch so verstanden haben wollte. 
"Zu Eckermann sagte er am 4.1.1824: "Ich glaubte an Gott und die Natur und an den Sieg des Edlen über das Schlechte; aber das war den frommen Seelen nicht genug, ich sollte auch glauben, dass Drei Eins sei, und Eins Drei; das aber widerstrebte dem Wahrheitsgefühl meiner Seele."
Zu finden auch im Internet unter
Damit wendete er sich gegen den christlichen Glauben, gegen die Lehre der Dreieinigkeit. Mehr ist nicht dahinter. 
Im Internet findet man auch den Briefwechsel zwischen Goethe und (Karl Friedrich) Zelter, Band 2
und dort schreibt er: ... Ebenso quälen sie sich und mich mit den "Weissagungen des Bakis", früher mit dem "Hexeneinmaleins" und so manchem anderen Unsinn, dem man dem schlichten Menschenverstande anzueignen gedenkt. 

Womit er sehr klar ausdrückt, wie gering er selbst schätzt, was er geschrieben hat. Was ihn stört, ist der offensichtliche Versuch mancher Zeitgenossen, etwas in sein Werk hinein zu geheimnissen, was so nicht drinnen ist. 


Vladimir V. Koulich möchte zwar ein "magisches Quadrat" als Grundlage des "Hexeneinmaleins" erkennen. Was nicht unmöglich ist, jedoch mit Magie nichts zu tun hat. Zu finden auf:

http://www.ntu.edu.sg/home/MVVKulish/Les%20Cahiers%20Luxemboureois%20%28Vol%201995%20No%203%29.pdf

Selbstverständlich ist es kein Unsinn - aber es ist nicht bedeutungsvoll. Vor allem steht es in keinem Zusammenhang mit Nostradamus. 


Schon in alten Vorlagen gab es in den Geschichten über den Dr. Faust Zaubersprüche, die ihm zugeschrieben wurden. Naheliegend wenn Goethe das Vorbild aufgreift.

Der Augsburger Schausteller Rudolf Lang zog mit einer Hundenummer zum Thema Faust 1717–21 durch Österreich und Deutschland und musste sich einmal ernsthaft gegen den Vorwurf der Hexerei verteidigen.
http://de.wikipedia.org/wiki/Fauststoff 

Diese Geschichten waren also populär.  Jeder kannte sie und Goethe war nur einer von vielen der daraus schöpfte. "Die Weissagungen des Bakis" mögen ein Übriges beigetragen haben, um den Eindruck zu erwecken, Goethe habe eine tiefere Beziehung zu Nostradamus aufzuweisen. 

Wikipedia schreibt über Bakis:

Bakis (griech. Βάκις) war ein Seher des antiken Griechenlands, der im 7./6. Jhd. v. Chr. gelebt hat und in seinen Orakelsprüchen die Ereignisse der Perserkriege prophezeite. Bakis soll die Gabe der Prophezeiung von den Nymphen erhalten haben.
http://de.wikipedia.org/wiki/Bakis_%28B%C3%B6otien%29

Wie man sieht, Goethe hat viele alte Geschichten und Sagen verwendet.  Er hat auf verschiedene Personen hingewiesen. Wenn er dichtet:

Nicht Zukünftiges nur verkündet Bakis; auch jetzt noch
    Still Verborgenes zeigt er, als ein Kundiger, an.
Wünschelruten sind hier, sie zeigen am Stamm nicht die Schätze;
    Nur in der fühlenden Hand regt sich das magische Reis.

erinnert er schon ein wenig an Nostradamus, sofern man "das magische 'Reis" mit den Zweigen und der Rute in I/2 gleichsetzt.
Aber warum ist das so? Vielleicht weil beide - Nostradamus und Goethe - dieselben Vorbilder verwenden? Oder hat Goethe tatsächlich versucht, Nostradamus in Gestalt des Bakis zu "erklären"?  Eine Frage die man schwer beantworten kann. Jedenfalls scheint die Annahme falsch, er habe mit der Regieanweisung im Faust,  Nostradamus darstellen wollen. Matthias Heine überzeugt mit seiner einfachen Antwort. Goethe bezog sich auf Rembrand und dessen (angeblichen) Faust. 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen