Samstag, 10. Juni 2017

Nostradamus und die Skeptiker


Die Skeptiker sind selbstredend davon überzeugt, dass Nostradamus kein Prophet war. So nannte er sich übrigens auch nicht. Er nannte sich Seher.
http://www.gwup.org/infos/nachrichten/399-500-jahre-nostradamus

Dunkelheit, Dreistigkeit und Beschwörung des Zufalls -- das ist nach Corneilles Poesie der Dreiklang, mit dem Propheten die auf kosmische Fingerzeige gestimmten Saiten der Seele zum Klingen bringen. 
Der calvinistische Reformator Theodore de Bèze (1519–1605) komponierte aus dem Namen Nostradamus gar einen lateinischen Spottspruch:   Nostra damus cum falsa damus, nam fallere nostrum est; et cum falsa damus, nil nisi nostra damus.
Zu Deutsch etwa: Wir geben das Unsere, wenn wir Falsches behaupten, denn Falsches zu sagen ist unsere Art; und wenn wir Falsches sagen, geben wir das Unsere.
Scharlatan oder Inspirierter? An Nostradamus scheiden sich die Geister. 
Lustig dass ausgerechnet - ich denke einmal atheistische - Skeptiker, einen Kleriker zitieren.
Aber wenn es ins Konzept passt ...
 Wofür halten die Skeptiker denn Nostradamus? Für einen Scharlatan? Vermutlich, denn für einen Inspirierten sicher nicht. Und dann machen sie selbst, was sie anderen vorwerfen. Sie interpretieren.

Vier Jahre vor dem tragischen Ereignis hatte Nostradamus im Vers 35 der I. Centurie geschrieben:
Der junge Löwe wird den alten überwinden,
auf kriegerischem Feld im Einzelstreit.
Im goldenen Käfig wird er ihm die Augen spalten,
von zwei Flotten setzt sich eine durch, der Besiegte stirbt einen grausamen Tod.




"Seit dieser prophetischen Glanzleistung war Nostradamus noch zu Lebzeiten der gemachte Hellseher", applaudierte 1981 sogar Der Spiegel in einer Titelgeschichte. Wirklich? Der berühmte Quartain ist von Zeitgenossen nicht einmal wahrgenommen worden, behauptet der renommierte französische Historiker Georges Minois. Und das mit guten Gründen: Heinrich II. war 40 Jahre alt, Graf Montgomery mit 29 Jahren unwesentlich jünger. Letzterer war kein König, also mitnichten ein "Löwe". Außerdem spielte sich das Drama nicht "auf kriegerischem Feld" ab, und nirgends ist überliefert, dass Heinrich II. einen auffälligen goldenen Helm oder ein goldenes Visier trug. Im Jahr 1555, als Nostradamus diese Verse schrieb, war vielmehr Heinrich II. der "junge" und Karl V. mit seinem goldenen Helm -- der deutsch-römische Kaiser, der sich mit den Franzosen heftige Kriege lieferte -- der "alte" Löwe. Gemeint hatte Nostradamus also das Gegenteil dessen, was die Interpreten hineinlesen: nämlich, dass sein König Heinrich II. über seinen Erzfeind siegen möge. 

Schreibt der Autor Bernd Harder wörtlich. Offensichtlich verführt Nostradamus sogar einen Skeptiker dazu, sich für berufen zu halten, die dunklen Verse richtig zu verstehen. Das alleine ist ja schon eine tolle Leistung. Nirgendwo in den Versen steht, dass Nostradamus Heinrich II überhaupt gemeint hat. Ob der Autor selbst die Schlussfolgerung zieht, oder der eines anderen folgt (was ich nicht ganz auseinander halten kann), ist dabei nebensächlich, weil er zumindest zustimmt. Nostradamus hat es also geschafft, die unterschiedlichsten Leute dazu zu bewegen, sich mit seinen Versen zu beschäftigen. Er wusste, dass sich Leute damit beschäftigen würden, die gar nicht die Fähigkeit besitzen, sie richtig zu deuten. In weiser Voraussicht schrieb er deshalb einen Bannvers: Kritiker (=Skeptiker?) Ungebildete, Astrologen und Sprachunkundige sollten sich fernhalten.

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